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Bienensterben gibt immer noch Rätsel auf

Hans Käser, Verantwortlicher Kommunikation VBBV

Eine Nachricht aus den USA schreckt auf. Die Mehrzahl der Bienen soll dort verschwunden sein. Weil eine klare Ursache fehlt, sorgen sich die Forscher um das Überleben dieser Insektenart in Nordamerika. Ist das aktuelle Phänomen des Völkersterbens bei uns auch der Anfang vom Ende?

Ursachensuche im Jura

Imker Georges Zuber (JU) hatte im Winter 05/06 den Totalverlust seiner Bienen zu beklagen. Zusammen mit Bieneninspektor Louis Noirjean (Porrentruy JU) suchte er nach möglichen Ursachen.

100 Jahre Zentrum für Bienenforschung (ZBF)

Die Bienenhaltung in der Schweiz hat eine beachtliche ökologische und volkswirtschaftliche Bedeutung. Der Sammeleifer der Bienen beschert uns nicht nur Honig, sondern schafft auch die Grundlage für die Obst- und Rapsproduktion. Im Weiteren erhält er uns die Wildflora in ihrer Vielfalt.

Der Bundesrat erkannte die wichtigen und vielfältigen Funktionen der schweizerischen Bienenzucht schon vor hundert Jahren und erweiterte die damalige Eidgenössische Forschungsanstalt für Milchwirtschaft in Liebefeld um eine Bienenabteilung. Diese erforscht seither erfolgreich Fragen rund um die Bienenhaltung und erarbeitet Lösungen für die Praxis.

Die Forschungsanstalt Agroscope Liebefeld-Posieux organisierte am 21. April 2007 im Casino Bern eine Feier zum Jubiläum «100 Jahre Zentrum für Bienenforschung (ZBF)». Offizieller Festakt am Morgen, eine wissenschaftliche Tagung zum Thema «Bienensterben – Wie weiter?» am Nachmittag.

Das jubilierende Zentrum für Bienenforschung (ZBF) sieht sich immer wieder vor neue Herausforderungen gestellt. Die Virulenz von Bienenkrankheiten – vor allem Faul- und Sauerbrut – wie auch die Gefahr von Schädlingen haben stark zugenommen. Gleichzeitig steigt der Anspruch der Konsumentinnen und Konsumenten an die Qualität der Bienenprodukte.

Die Arbeitsbienen sind alle weg. Sie haben die Brut im Stich gelassen, sind weggeflogen und nicht mehr zurückgekehrt. Haben auch keine Toten zurückgelassen. Millionen und Abermillionen Bienen sind in Nordamerika im Laufe der vergangenen Monate einfach verschwunden.

Immer mehr amerikanische Imker, die nach dem Winter 2006/2007 ihre Bienenstöcke zum ersten Mal wieder geöffnet haben, berichten dasselbe. An der amerikanischen Westküste haben sich fast 60 Prozent der Bienenvölker in Luft aufgelöst, an der Ostküste und in Texas mehr als 70 Prozent.

Völkersterben auch in der Schweiz

Winterverluste bei den Bienen sind nicht neu und weltweit betrachtet auch nicht auf den Winter beschränkt, sagt das Zentrum für Bienenforschung (ZFB). Dabei treten unterschiedliche Erscheinungsformen auf: leere Beuten, tote Völker auf dem Beutenboden oder flugunfähige Bienen.

Das Ausmass des Schadens in der Schweiz ist im milden Winter 06/07 wahrscheinlich geringer als in den vorangegangenen. Im Jahre 2003 ermittelte das ZBF einen durchschnittlichen Völkerverlust von 23 Prozent. Schwankungen von einem Bienenstand zum andern sind die Regel. Normal wären Winterverluste bis zu 10 Prozent.

Hohe Verluste gab es im Winter 05/06 in der Nord- und Nordwestschweiz. In der Ajoie zum Beispiel gingen im Durchschnitt 44 Prozent aller Bienenvölker ein. Wie andere Imker, so hatte Georges Zuber im jurassischen Alle sogar einen Totalverlust seiner Völker zu beklagen. Anlässlich einer Kontrolle im Spätherbst 05 gewahrte er auf dem Boden des ersten und zweiten Kastens eine dicke Schicht toter Bienen. Voller Entsetzen rief er den Bieneninspektor Louis Noirjean aus Porrentruy zu Hilfe. Die gemeinsam durchgeführte Kontrolle ergab die traurige Gewissheit: alle 40 Völker eingegangen, keine einzige Biene mehr am Leben. «Ich habe in meinen 55 Imkerjahren nie so etwas gesehen», stellt Georges Zuber fest.

Umwelteinflüsse sind nicht entscheidend

Der Imker aus dem Jura ist überzeugt davon, dass seine Bienen Einflüssen aus der Umwelt zum Opfer gefallen sind. Er schiebt die Hauptschuld den in der Landwirtschaft verwendeten Saatgutbehandlungsmitteln Gaucho und Régent zu. «Das behandelte Saatgut keimt und geht auf», erklärt er. «Doch die Beize bleibt im Boden und vergiftet später die auf diesem Acker wachsenden Pflanzen.» Seine Bienen seien an vergiftetem Honigtau und Pollen gestorben, glaubt er. Bieneninspektor Louis Noirjean ist der gleichen Meinung: «In Frankreich hat man diese Produkte suspendiert, weil sie für die Bienen gefährlich sind.» Er kann nicht verstehen, dass sie in der Schweiz noch eingesetzt werden dürfen.

Das ZBF relativiert die Einflüsse der Umwelt auf das Völkersterben der Bienen. Eine Vielzahl von Faktoren beeinflusse das Überleben eines Volkes: klimatische Bedingungen, geografische oder höhenbedingte Verteilung, Wintervorräte, landwirtschaftliche Kulturen und Pestizide. «Auch wenn es sich nicht ausschliessen lässt, dass diese Umweltfaktoren in gewissem Masse zu einer Schwächung der Völker beitragen können, so lässt sich mit Sicherheit sagen, dass sie im Zusammenhang mit dem Völkersterben keine zentrale Rolle spielen», sagt ZBF-Mitarbeiter Jean-Daniel Charrière. Er stellt auch den Einfluss der elektromagnetischen Strahlung durch den Funksprechverkehr in Frage. «Die momentan verfügbaren Daten weisen darauf hin, dass diese Strahlung für Bienen unbedenklich ist.» Im Weiteren glaubt er auch nicht, dass die aktuelle Sterblichkeit durch die Wirkung genetisch veränderter Organismen zu erklären ist. Denn das Völkersterben sei aufgetreten, bevor genetisch veränderte Organismen nach Europa gekommen seien, argumentiert er.

Viren und Bakterien unter Verdacht

Viren werden mitverantwortlich gemacht für das Völkersterben der Honigbienen. Untersuchungen des ZBF zeigen, dass schwache und sterbende Völker häufig sehr stark von Viren befallen sind.

Die Varroamilbe wird allgemein nicht als direkter Auslöser von Völkerverlusten verantwortlich gemacht. Sie kann aber bei ungenügender Bekämpfung bakterielle und virale Sekundärinfektionen mit verheerenden Folgen auslösen.

Wichtige Funktion für die Landwirtschaft

Die heute rund 19'000 Bienenhalterinnen und –halter in unserem Land pflegen 190'000 Bienenvölker. Die fleissigen Insekten bringen einen volkswirtschaftlichen Nutzen von rund 364 Millionen Franken ein. Gut 64 Millionen davon kommen aus dem Verkauf der Bienenprodukte. Der weitaus grössere Anteil von 300 Millionen aber stammt aus der Bestäubungstätigkeit der Bienen bei Obst und Beeren. Nicht berücksichtigt in diesen Zahlen sind die Bestäubungsleistungen für die Samenproduktion im Ackerbau und der Beitrag zum Erhalt der Wildflora.

Jeder dritte Bissen Nahrung der Menschen ist abhängig von der Bestäubung von Blüten, stellt das ZBF fest. Und rund 80 Prozent dieser Arbeit besorgen die Bienen. Daher ist es von zentraler Bedeutung, so das ZBF weiter, dass auch in Zukunft eine flächendeckende Bestäubung der Blütenpflanzen gewährleistet bleibt.

Erschienen im «Schweizer Bauer» vom 25.04.2007